Rockpalast Archiv

Peter Rüchel Interview

Geführt von Uli Twelker

Aus der Zeitschrift "Good Times" 2/96 und 1/97

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Das letzte Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts Television im Music Overkill: VHI, Viva 1, Viva 2, MTV, Hits in Werbung, Talkshow, Krimi, Quiz - und all das so wenig live, daß erst der Lagerfeuer-Terminus "Unplugged" die Unsitte entlarvte, auch Plugged-Artisten nur per Playback zu zeigen. In Zeiten, da ein Peter Frampton mit seinem Konzert "Ohne Filter" (noch so ein Ausdruck für eine einstige Selbstverständlichkeit) um drei Uhr morgens versteckt wird, lohnt ein Rückblick in eine Ära, da Rock noch keine Sparte zwischen Metal und Ambient war, sondern Spiel-Arten ohne Spartenzwang zuließ, und in der das Rockkonzert als TV-Ereignis in Köln am Rhein von den beiden Enthusiasten Peter Rüchel und Christian Wagner konzipiert wurde: Ein Jugendredakteur und ein Regisseur-Studiosus an der Münchner Filmhochschule starteten vor 22 Jahren ganzheitlichen Fernsehrock ohne Zoom-Hektik. Los ging es mit den noch Traveling Wilbury-geleiteten Beatles-Harmony-Verwaltern Electric Light Orchestra, der noch nicht aircrash-dezimierten Südstaaten-Legende Lynyrd Skynyrd, und dem heute zu Unrecht in der Drittliga giggenden britischen R&B Chansonnier Alan Price!

Peter Rüchel:

"Damals hatten wir einmal im Monat 30 Minuten Sendezeit, wollten aber Konzerte machen - da hat uns das Format schon mächtig gefrustet!"

Damals hieß das beim Kölner WDR noch "Szene '74" und "Elf 1/2-Musiksack", aber das Konzept stand: Pro Gig gibt es nur eine Formation, live, Qualität statt Popularität. Beispiel: Als 1977 die kanadischen Folk-Schwestern Kate & Anna McGarrigie, verstärkt vom omnipräsenten Viel- und Fühltrommler Dave Mattacks, zwischen ihren Hausmusik-Inszenierungen gemütlich plauderten, stimmten und einrichteten, schienen wir dem Rohschnitt einer Werkschau beizuwohnen, vermochten uns aber um so weniger zu entziehen. Musik in Muße, da erscheinen Video-Clips wie Science Fiction Trash! Dennoch waren das noch immer Konzertausschnitte, bis zu einer Frustnacht im August 1976.

Peter Rüchel:

"Christian Wagner und ich haben dann in einer Nacht das Konzept der Rockpalast-Nächte entwickelt - exakt so, wie es dann auch (1977) geworden ist: 1.Programm, live, Samstagnacht auf Sonntagmorgen, 6 Stunden lang, parallele Stereophonie im Radio, sogar die Grugahalle Essen war schon im Konzept mit drin - in der Region des WDR, aber nicht 'zu Hause' in Köln: man muß schon etwas weggehen! Wir wollten auch selbst produzieren, statt große Veranstalter einzubeziehen."

Rockpalast-Fans versammeln sich im Juni '96 wieder zu Tausenden auf der Loreley am Rhein! Wie an jenem Samstagabend zur ersten WDR-Nacht Juli '77, als Rory Gallagher brannte, Little Feat kifften und dem alten Thunderbyrd Roger McGuinn fast die Kokspupillen herausglitschten! Oder '81, als Roger Chapman nach seinem "Longlist"-Marathon einen Bademantel aus Rühmann-Zeiten postapportierte! Aber kommt das, kam das damals zu Hause am Schirm überhaupt rüber? Was war und ist denn nun das besondere am Glotzen-Rock, Peter Rüchel?

Peter:

Die Art und Weise, wie man ein Rockkonzert im Fernsehen wahrnimmt, ist sicher eine andere als im Konzert selber. Da gibt es möglicherweise eine größere Distanz, die in den Rockpalast-Nächten allerdings dadurch aufgehoben wurde, daß der parallele Stereo-Ton im Radio ein Klangerlebnis möglich machte, das über den damaligen TV-Ton weit hinausging! Und die Rocknächte wurden nicht vom einsamen Zuschauer vor der Glotze empfangen, sondern es entstanden viele Parties eine Art von Kommunikation vor dem Bildschirm: Man konnte miteinander reden, tanzen, sich zuwenden und abwenden, untypisch auch für den Fernsehkonsum allgemein. Es entstand da auch eine andere Möglichkeit, Fernsehen überhaupt wahrzunehmen: Das, was vor dem Schirm stattfand, war ein Teil des Ereignisses. Man wurde gelegentlich (vergeblich) aufgefordert, über den Bildschirm zu sagen 'Die Leute, die jetzt die Parties feiern, sollten doch wenigstens ihre Fenster zumachen, oder ihren Unter- und Obermietern vorher Bescheid sagen, daß die Nacht lauter werden würde!' Wie ein Dunst lag das in diesen Nächten über den Städten. Das gehörte für uns ganz entschieden dazu und trug zu einem Gefühl bei, daß ich immer kurz vor der Übertragung hatte, wenn ich reinguckte in die ausverkaufte Grugahalle: 'Heute nacht sind wir mal unter uns und kümmern uns überhaupt nicht um die vielen Fieslinge, die auch sonst noch im Leben herumstehen und an denen wir im Alltag nicht vorbeikommen. Alles andere fällt heute nacht von uns ab und wir sind eins in diesem gemeinsamen Erlebnis !'

Uli:

Wie setzt man denn überhaupt solch eine Schnapsidee bei seinen Bossen durch? Sechs Stunden Rocknacht, Stereo im Radio?!

Peter:

Das war so weitgehend geplant in jener Augustnacht 1976 - auch die Eurovision war ja schon im Konzept - daß ich gedacht habe: Das ist so groß, das hat keine Chance! Am nächsten Morgen fragte ich mich - warum eigentlich nicht? Ich hab's dann vorgeschlagen, und nach zwanzig Minuten Zuhören war die Reaktion 'Das ist eigentlich eine gute Idee!' Das ging quer durch die Hierarchie in der ARD, wurde ohne Probleme akzeptiert, nicht erkämpft! Dann blieb's im Programm für 17 Eurovisions Nächte!

Uli:

Und das ohne ein mögliches Vorbild, wenn auch der Beat Club in den Sechzigern Bands mit mehreren Songs porträtierte.

Peter:

Den Beat Club gab's zum Zeitpunkt der Rocknacht schon einige Jahre nicht mehr.Aber der Beat Club war schon die erste wirkliche Rockmusik-Sendung im Fernsehen - damals nannte man das noch Beatmusik. Und in gewisser Weise war Mike Leckebusch, der das Programm gemacht hat, auch als Regisseur seiner Zeit weit voraus, insofern er damals schon so etwas wie Live-Videos kreiert hatte, in der Art und Weise, wie er die Musik, die im Studio live stattfand umsetzte. Der erste, der mit den technischen Möglichkeiten der Blue Box arbeitete, mit Effekten, die damals erst aufkamen.

Wir aber waren damals der Meinung, wir sollten etwas anderes machen, das heißt eine weniger verfremdete Form der Präsentation von Musik - eine direktere Form, die sich an den musikalischen Abläufen orientiert und nicht den Anspruch hatte, selbst eine eigenständige Bildkomposition herzustellen, sondern die darauf aus war - in der Regiearbeit von Christian Wagner - das Konzert-Erlebnis in diesem anderen Medium so genau wie möglich darzustellen.

Uli:

Bei uns waren diese TV-Gigs ohne Vorbild. Und international?

Peter:

Gar nichts, hat es nie gegeben. Ich glaube, das ist auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen: Die haben damals noch nicht so auf Einschaltquoten geguckt, es gab eine 3-Kanal-Landschaft, und keine kommerzielle Konkurrenz. Aber die Öffentlich-Rechtlichen schufen die Voraussetzung, daß so etwas überhaupt entstehen konnte. Es gab keine Frage ´Wieviel Leute werdet Ihr erreichen?´ Ich habe immer gesagt ´100 Prozent!´ Ja wie? ´Alle für die Rockmusik ein Lebensmittel ist!´ Das war dann später schwieriger und war auch ein Element dafür, daß es Rockpalast in seiner (vorläufigen) Endphase dann nicht mehr so gut ging. Das war die private Konkurrenz. Die Einschaltquoten wurden immens wichtig, weil auch die Öffentlich-Rechtlichen Angst davor hatten.

Uli:

Rock-Musikalisch hatten die privaten keine Alternative. Und wie sahen die das bei der ARD?

Peter:

Es gab damals ein immens erfolgreiches Video-Programm in den 3.Programmen, "Formel Eins". Man konnte auf den Gedanken kommen ´Das ist jetzt die neue, legitime Form, Musik im Fernsehen zu präsentieren!´ Was da geboten wurde, erschloß schon eine bis dahin nie gekannte Bilderwelt, sehr aufwendig produziert, sechsstellige Etats für die großen Stars, manchmal sogar mehr! In dem schlichten ´Entweder-Oder´-Denken, das dann einsetzt, waren wir in der dritten Reihe!

Man muß aber fairerweise sagen, daß wir 1985 eine Durststrecke zu überwinden hatten. Da gab es eine Veranstaltung auf der Loreley, Ende August, zu der noch 8000 kamen, bei einer Kapazität von 15000, und man war gewöhnt an ´Ausverkauft´! Und die Grugahalle hatte im Oktober `85 gerade noch 1200 Zahlende, weil wir nicht in der Lage waren, zu dem Zeitpunkt ein Programm auf die Bühne zu stellen, das attraktiv genug gewesen wäre. Zusammen mit dem ´Formel Eins´ Erfolg und dem Aufkommen von Videos schien das anzudeuten, daß diese Form der Live-Präsentation ihre Zeit gehabt hatte.

Uli:

Als Sie Mitte der 80er plötzlich diesen TAFKAP (The Artist Formerly Known As Prince) zu holen ankündigten, galt der kleine überhaupt als "political correct" unter Rockern, nach Little Feat und Rory Gallagher?

Peter:

Die Frage war mir seinerzeit gar nicht so bewußt! Unter den Kölner Musikern setzte damals eher ein großes Aha-Erlebnis ein, nachdem diese Live-Übertragung aus Syracuse in New York gelaufen war. Dieses Konzert hat eine Tür aufgemacht, den Blick auf etwas neues eröffnet. Für mich war das ein großes Ereignis, weil das erstmals transatlantisch per Satellit lief, und weil es überhaupt gelungen war, den Mann ins fernsehen zu bringen. Von denen die ihn nicht zur "cleanen" Rockecke zählten, ist dies so anregend, positiv aufgenommen worden, daß es im Effekt einiges bewegt hat. Der Rockpalast hat sein Programm ohnehin immer relativ weit gefaßt. Manchmal sind wir auch über die Grenzen dessen, was noch zu verkraften war, gegangen, zum Beispiel, als wir King Sunny Ade & His African Beats reingenommen haben, was viel extremer war als Prince: Etwa 10% waren ganz begeistert - der Rest konnte nichts damit anfangen! Die Grugahalle leerte sich schließlich, die haben ja noch 2 ½ Stunden gespielt. Wir waren auch immer so experimentierfreudig, hatten etwa die Red Hot Chili Peppers auf der Loreley, als sie wirklich noch keiner kannte, als sie noch von George Clinton produziert wurden, der auch auftrat. Da waren Rockfans, die seinen Funk nicht mehr einordnen konnten in ihr musikalisches Weltbild, ich erinnere mich an ein paar heftige Reaktionen. Das war dann inhaltlich auch der Abfall des Rockpalastes von der reinen Lehre!

Uli:

Welchen Künstlern sind Sie menschlich, per Garderoben- oder Kneipen-Gespräch, besonders nahe gekommen?

Peter:

Wenn ich spontan einige nennen soll, sind das zum Beispiel Lowell Geoge von Little Feat, dann Pete Townshend und Little Steven. Das waren Begegnungen, die auf den ersten Blick schon unheimlich gut funktionierten! Little Steven ist ein richtiger Freund geworden, wir sehen uns regelmäßig, wenn ich in Amerika bin oder er in Europa. Aber sonst sind das Dinge die nicht täglich wiederholbar sind.

Uli:

Lowell George konnte also offen sein, obwohl er innerhalb seiner Band bereits Differenzen zu spüren begann?

Peter:

Das ist natürlich ein Charakteristikum dieser Band, die immer schon aus musikalischen Individualisten bestand, die alle ihre eigenen Vorstellungen über Musik gehabt haben! Neben ihm, den ich persönlich für einen der genialsten Songschreiber halte, gab es da noch zwei weitere formidable Schreiber in Bill Payne und Paul Barrere, die musikalisch auch immer gleich wichtig gewesen sind, sich auch so empfunden haben. Das ging sogar über die drei hinaus, wenn man noch Ritchie Hayward einbezieht, eine Hirarchie hat es kaum gegeben, selbst wenn gelegentlich George als " our fearless leader" angekündigt worden ist! Ihre musikalischen Vorstellungen bei "Time Loves A Hero" - zum Zeitpunkt des Rockpalast Auftritts 1977 - waren so, daß Payne u. Barrer mehr in eine instrumental Richtung mit Jazz-Rock-Elementen tendierten, man denke an die 10-minütige Version von "Day At Dog Races", ging Lowell George während dessen von der Bühne. Er war eher der Song & Dance Man! Aber diese Spannung machte ja gerade das Charakteristikum von Little Feat aus - so viel Verschiedenes formte sich doch zu einer Einheit, bis zu dem Moment, wo Lowell die Band verlassen hat, um in seinen letzten Lebensjahren seinen Solopfaden nachzugehen!

Uli:

Dann haben Sie die Spannung positiv gesehen, während die Presse sie eher negativ ausschlachtete?

Peter:

Nicht nur ich spürte da schon ein Auseinanderstreben. Aber wie gesagt, eine Band aus Selbständigen, die vielleicht deshalb im kommerziellen Sinne nie erfolgreich gewesen sind. Als wir das Little Feat Konzert im November 1995 in der Live Music Hall Köln aufgezeichnet haben, sprach ich hinterher mit Ritchie Hayward, mit dem mich auch etwas verbindet. Er war noch einmal mit Joan Armatrading in der Rocknacht. Wir reflektierten den Little Feat Auftritt 1977, und auf mein ´Ihr seid ja zusammen durch Dick und Dünn gegangen´ erwiderte er ´Mehr durch Dünn - aber es macht so viel Spaß in dieser Formation zu spielen!´ Das sind Musikanten in einem sehr emphatischen Sinne, die sich nie nach irgend etwas gerichtet haben, als was sie für musikalisch richtig hielten.

Uli:

Little Feat also nach achtzehn Jahren "back in Rockpalast!" Ein weiterer Stammgast war ja Roger Chapman!

Peter:

Meine persönliche Wertschätzung für ihn. Er war viermal im Rockpalast. Zunächst mit Chapman/Whitney-Streetwalkers, mit seinem Kumpel aus der Family Zeit, dann mit den (veränderten) Streetwalkers (Bob Tench, Dave Dowle etc.). Mit der Formation Shortlist gab es 1979 (vor der Nacht ´81) ein kleineres Konzert in Hamburg in der Markthalle, das ich in ganz besonders guter Erinnerung habe: Er hat diesen "Daddy Rock´n ´Roll" so richtig auf der Bühne verkörpert! Er war eine Art von Elefant, der mit den ganz großen Emotionen und Ausdruck auf die Bühne ging!

Uli:

Gab es so etwas wie Verehrungsbarrieren, wenn man einen Mann wie etwa Muddy Waters anspricht? Selbst ein Star wie Rory Gallagher bekannte sich noch ´92 dazu, "starstruck" zu sein!

Peter:

Barrieren eigentlich nicht! Wir haben zusammen Muddy Waters Lieblings-Champagner getrunken, einen Dom Perignon Jahrgang, den er sich gewünscht hatte. Ehrfurcht und Respekt hatte ich schon, aber das heißt ja nicht, daß man mit solch einen Menschen nicht eins zu eins reden kann. Er war eine gänzlich unstrittige Persönlichkeit, dem man immer anmerkte, daß er seinen Beitrag zur Geschichte des Blues gegeben hatte. Muddy hat damals in der kleinen Dortmunder Westfalenhalle ein Konzert gegeben. Über die hätte ich eigentlich hinter der Backline zum Ü-Wagen gehen müssen, aber Ich bin dazu nicht gekommen. Wie gebannt bin ich auf der Bühne hinter der P.A. stehengeblieben und habe dort das ganze Konzert miterlebt. Als er vor seiner Zugabe abging, müssen Albrecht Metzger und ich offenbar einen so begeisterten Eindruck gemacht, daß er seine Richtung änderte, auf uns zukam und mich umarmte. Eine persönliche Begegnung, aber natürlich ohne Vor- und Nachgeschichte.

Uli:

Den Beat-Club gibt's jetzt auf CD. Gibt es beim Rockpalast ähnliche Bestrebungen für Kaufprodukte, ob CD oder Video?

Peter:

Wir sind dabei, so etwas einzufädeln, mit BMG Video! Das ist nicht ohne Probleme, weil Wir für unsere Produktionen nur die deutschen Fernsehrechte und nichts sonst erworben haben. Die allerdings meist unbegrenzt, so daß sie jederzeit wiederholbar sind. Aber Rechte für andere Zwecke, Kassetten oder CDs, haben wir nicht, müssen also mühselig mit den Gruppen und derzeitigen Vertretern klären, daß die Rechte gegeben werden für eine solche Zweitauswertung. Videos habe ich bisher auch bei der britischen BBC wenig gesehen. Tonträger, so wie BBC1, das können wir nicht.

Für die ersten drei Videos habe ich mit BMG Video das Konzept erarbeitet: Compilations, um auch Leuten einen Einstieg zu bieten, die nicht mit Rockpalast aufgewachsen sind, um dann überzugehen zu Konzerten, für die wir damals sogar nur begrenzte Fernsehrechte haben erwerben können,die aber viel verlangt sind: J.Geils Band, Patti Smith, Johnny Winter etc. Wenn alles sich vernünftig klären läßt, heißt die Perspektive 10 Video-Cassetten bis zum 20-Jährigen-Jubiläum der ersten Rockpalast-Nacht im nächsten Jahr! (1997)

Uli:

Wie ging's seinerzeit zu Ende - wie fing´s wieder an?

Peter:

Da war der relativ hohe Etat, den der Rockpalast damals ´86 hatte, das kommerzielle Fernsehen kam auf, man wollte dagegen konkurrieren, wollte Investitionen in majoritäre Programme, die die Chance hatten, tendenziell die Hälfte der Nation vor den Fernsehschirm zu holen. Da wurde uns dann auch Geld abgezogen, die Konsequenz war ´Machen wir doch mal Schluß!´ Das hat dann eine Weile angehalten, bis wir wieder mit ´Rocklife' Anfang 1990 ins Programm kamen, was zunächst ein bißchen anders gedacht war als Rockpalast - mehr Club-Charakter haben sollte, später dann aber zurück ging zu ´In Concert'-Produktionen. Und schließlich schlug des Pendel wieder in die andere Richtung, denn Video hat einen großen Nachteil - die Bilderwelt bringt die Musik tendentiell zum Verschwinden, macht sich selbständig. Es wurde dann ja auch nicht mehr so viel neues erfunden, nicht zuletzt war das Talent nicht beliebig vermehrbar. Die Etats wurden immer kleiner, und schließlich gab es l0.000 DM-Videos, wo man eine Gruppe in den Steinbruch stellte und Playback singen ließ! Das Interesse nahm dann doch ab. Viva kam viel zu spät und ist nun ein Programm ohne Einschaltquote und Marktanteile, wenn auch noch genügend CD-Käufer, zugucken, um den gewünschten Werbeeffekt dann doch noch spürbar werden zu lassen. Das wird auch weiter existieren, aber auf der anderen Seite war dann wieder fühlbar ein starkes Bedürfnis nach dem Echten: live gespielter Musik und der Interaktion zwischen Musikern und Publikum.

Uli:

Der Sinneswandel beim Westdeutschen Fernsehen muß aber gründlich sein - jedes Wochenende der Nachtmarathon?!

Peter:

Was wir da seit zwei Jahren machen, ist zunächst nicht etwa zustande gekommen, weil ein besonderes Bedürfnis nach Rockmusik bei den Enscheidungsträgern dagewesen wäre, sondern weil man übergehen wollte zum Sendebetrieb rund um die Uhr auch bei den Dritten. Da war die Frage, was tut man? Zunächst Wiederholung von Aktualität, Kurssendungen, Telekolleg etc.

Ich sagte dann, ich hätte auch noch was Lustvolles anzubieten, .nämlich jede menge Rockpalast, Archive voll, Rechte sind da, Wiederholungs-Gebühren brauchen nicht bezahlt zu werden. Jede Nacht braucht ja nicht zu sein, aber einmal in der Woche wäre ganz schön. So wurde es eingerichtet, und dann kam darauf eine so heftig positive Reaktion, telefonisch bundesweit, daß sich das mehr und mehr etablierte. Dies schuf die Basis für neuere, größere Dinge! So kam dann die Loreley des vergangenen Jahres zustande, mit 4-Stunden Live-Übertragung und anschließend 5 Stunden versetzter Sendung dessen, was sich vor der Übertragung abgespielt hatte!

Das war noch kein richtiger Erfolg, sondern erstmal wieder ein Neueinstieg, denn abgesehen von dem Pech, daß Gary Moore nicht erschien, hatten wir 4.000 Zahlende in den Areal - das sah vom Hubschrauber aus betrachtet ziemlich leer aus! Gleichwohl hat das dazu geführt, daß wir eine Loreley machen am 22., vielleicht auch am 23. Juni. Inhaltlich halte ich mich noch zurück.

Uli:

Was steht auf dein Rockpalast-Kalender für den Rest von 1996?

Peter:

Ich habe vier große Ereignisse in diesen Jahr: Rocknächte im Ersten! Das war die große Oster-Rocknacht des WDR 1-Radios aus der Philipshalle vom 7. April mit 10 Gruppen. AM 16. Mai mache ich in Berlin zu Himmelfahrt ein Treffen ehemaliger DDR Gruppen mit West-Gruppen. Auf der einen Seite die Prinzen, Puhdys, Stern Combo, Meißen, Zöllner, auf der anderen Selig, Extrabreit etc - wahrscheinlich am Lustgarten oder an der Waldbühne. Dann das Bizarre-Festival am 17./18. August und schließlich die Rockpalast-Nacht in der Grugahalle in Essen am 5. Oktober!

Uli:

Spielen alte persönliche Vorlieben bei der Auswahl eine Rolle, oder geht der Blick auch bei Veteranen in die Zukunft?

Peter:

Ich will weiterhin ein Programm mit beiden Aspekten: Aktuelle Musik, heute gemacht - junge Gruppen und traditionsorientierte Programme! Ich bin der Auffassung, daß beides durch den ununterbrochenen Fluß der Musik verbunden ist. Musik fällt ja nicht vom Himmel, sondern kommt immer von weit her und hat eine lange Tradition. Beide Aspekte, denn jüngeres Publikum soll sich im Programm wiederfinden, auch damit die Gefahr der Nostalgie vermieden wird. Auch wenn es traditioneller orientiert ist, soll das Programm lebendig sein, nicht Museum.

Musik soll sich ereignen, so wie sich Paul Rodgers auf der Loreley ereignet hat - ein wunderbares Konzert, und das nicht, weil er schon durch Free rockmusikalische Geschichte hat! Ich möchte nicht in eine nostalgische Falle gehen. Ich schließe etwa aus, Canned Heat zu nehmen, weil die zentrale Figur nicht mehr lebt, auch Dr.Feelgood käme nicht wieder in den Rockpalast, weil Lee Brilleux nicht mehr lebt.

Uli:

Ein Mann der sich laut Kritik neuerdings wieder ereignet, ist ja Ihr ganz persönlicher Bruce Springsteen! Kommt er noch?

Peter:

Ich habe ihn ja nun selbst genannt. Eine Zeitlang war das ja so, daß die erste Assoziation war, wenn man mich fragte ´Wie ist das mit Bruce Springsteen?´, weil ich das eine als meinen ganz großen Wunsch formuliert habe. Inzwischen: Nicht unbedingt! Ich hab ihn in Düsseldorf mit seiner akustischen Tour gesehen, und hatte einen sehr zwiespältigen Eindruck. So sehr ich es schätze, wenn einer in seinem Stadium der Karriere fragt ´Wer bin ich eigentlich?´, wenn einer hereinkommt, eine intime Veranstaltung ankündigt und sagt, ´Wenn einer neben Dir zu laut wird, tell him the fuck to shut up!´

Das war für mich unangenehm - weil hier jemand seine neuen Einsichten zelebrierte und nicht berücksichtigte, daß vom Publikum eine andere Erwartung da war, die er selbst über anderthalb Jahrzehnte kreiert hat! Also da? das Publikum in den neuen Erkenntnisprozeß nicht mit einbezogen wurde, sondern er das frontal präsentierte, in einer Form, die ohne Höhepunkt war - Country Musik Springsteen & Woody Guthrie Style. Bei der Zugabe "No Surrender" wollte ich übrigens auf´s Klo, und eine Ordnerin versuchte mich davon abhalten, weil der Künstler noch zugange war! Zelebrieren bei sechsstelligen Gagen - das hat mir nicht gepaßt und machte mich grantig!

© Uli Twelker Good Times 1996-97


Mit freundlicher Genehmigung von Uli Twelker und der Zeitschrift Good Times

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Erscheint 6 mal jährlich
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